Hessen gentechnikfrei!
28. April 2008 · 21:30 · Alter: 4 Jahre
Buntes Widerstandsdorf mit drei Türmen entstanden
Drei Tage nach Beginn der Feldbesetzung brach die Universität Gießen heute den Versuch ab. Jubelstimmung im BesetzerInnencamp brach aus.
Beeindruckende Unterstützung fanden die BesetzerInnen des Genversuchsfeld nördlich Groß Gerau in den vergangenen Tagen aus der örtlichen Bevölkerung und von vielen politischen Gruppen und Parteien. "Der Zuspruch ist enorm und bedeutet, dass die Aktion keine Eintagsfliege bleiben wird", freuen sich FeldbesetzerInnen über die große Resonanz, während ein Besucher hinzufügt: "Der Protest vor Ort ist spätestens jetzt geweckt. Wir werden auch künftig dafür eintreten, dass Groß Gerau und die Region gentechnikfrei sein wird." Neben vielen BesucherInnen auf dem Feld und Informationsarbeit in der Stadt haben die BesetzerInnen aus ihrem Dorf eine bunte Widerstandsfläche mit drei Türmen, Zirkuszelt und kleiner Küche geschaffen, dass auch von Ferne gut zu sehen ist.
Breiter Protest organisiert sich
Ein Ziel haben die FeldbesetzerInnen sichtbar bereits erreicht. Auf dem Feld findet sich täglich ein breites Spektrum an Gruppen und BürgerInnen ein, die mit eigenen Aktivitäten in die Auseinandersetzung eingreifen. Umweltgruppen und mehrere Parteien haben eigene Stellungnahmen gegen den Genversuch der Universität Gießen verfasst. Die Grüne Jugend rief zu eigenen Veranstaltungen auf der Fläche auf, eine örtliche Musikband will für einen gentechnikfreien "Tanz in den Mai" aufspielen. Auf einem neuen Flugblatt haben FeldbesetzerInnen zu neuen Aktivitäten und Veranstaltungen eingeladen. Unter anderem sollen Fraktionstreffen und die Stadtverordnetenversammlung am Montag und Dienstag dieser Woche für Informationsgespräche und das Eintreten für eine gentechnikfreie Landwirtschaft genutzt werden.<br/>
SympathisantInnen aus Darmstadt bauten am gestrigen Sonntagabend Leinwand und Beamer auf für ein Nachtkino. Für heute ist eine Volxküche angemeldet, d.h. Essen für alle. Kletterworkshops und Infoveranstaltungen sollen stattfinden. Zudem bieten FeldbesetzerInnen an, auch zu Gruppentreffen und in Schulen zu kommen, um ihre Positionen dort darzustellen und über Gentechnik zu diskutieren.
Erschrecken über Argumente der Gentechnikbefürworter
Mehrfach fanden Gespräche mit MitarbeiterInnen der Universität Gießen statt. "Wir sind schockiert, welch naive Vorstellungen dort teilweise herrschen", heißt es von den FeldbesetzerInnen. So hätte unter anderem der Stationsleiter vor Ort formuliert, dass Gentechnikgegner an verhungernden Kindern schuld seien. "Offenbar werde an der Universität auch intern vor allem mit Lügen Propaganda gemacht", schütteln etliche FeldbesetzerInnen den Kopf. "Patente und Monopole verhindern den Zugang zu Saatgut und sind deshalb ein Grund für den Hunger. Schließlich gäbe es genügend Nahrungsmittel, die Menschen werden durch Marktmechanismen, Vertreibung und Gentechnik schlicht ermordet!"<br/>
Aufgrund dieser Erfahrungen fordern die FeldbesetzerInnen die Universität Gießen nicht nur dazu auf, die landwirtschaftlichen Genexperimente zu beenden, sondern auch vermehrt kritische Stimmen zuzulassen. "Wir kommen auch gerne in Vorlesungen, um die einseitige und verlogene Propaganda zu entlarven." Allerdings sei zu bezweifeln, dass die Universität kritische Meinungen zu ihrer Propaganda zulassen werde. Vor einem Monat seien bei einer Feldbesetzung auf dem Gerstenversuchsfeld in Gießen die kritischen Gentechnikseite auf Unirechnern gesperrt worden, damit StudentInnen keine unabhängigen Informationen mehr erhalten konnten. "Peinliche Meinungsmanipulation unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit", werfen die GentechnikgegnerInnen der Universität deshalb vor und forderten alle WissenschaftlerInnen auf, Meinungsvielfalt wieder herzustellen.
Konflikt auf dem Acker: BesetzerInnen blockieren Traktor
Erstmals seit Beginn der Besetzung kam es zu einem Konflikt zwischen Mitarbeitern der Versuchsstation und den BesetzerInnen. Ein Traktor begann mit der Bodenbearbeitung auf der für die Maispflanzungen vorgesehenen Fläche. Mehrere Personen blockierten die Weiterfahrt, in dem sie sich auf dem Boden setzten. Der aufgebrachte Fahrer fuhr einen Blockierer an und verletzte ihn leicht. Erst im Gespräch konnte dieser beruhigt werden, zudem folgte eine längere Debatte mit weiteren herankommenden Institutsmitarbeitern. Wie die BesetzerInnen erfuhren, waren diese über die heutige Entscheidung der Universität gar nicht informiert. "So ein mieser Umgang mit den eigenen Leuten passt zu den hohen Herren in der Unileitung", empörten sich FeldbesetzerInnen. "Da redet der Professor von Sorge um die Arbeitsplätze und behandelt seine Bediensteten dann wie reine Befehlsempfänger".<br/>
Direkte Auseinandersetzungen um die Besetzung hatte es in den letzten Tagen davor nicht gegeben. Die Polizei hat allerdings ihre Beobachtungspräsenz intensiviert. Auf Kritik stieß die dauernde Beobachtung durch zivile Polizei. "Die fahren hier ständig und mit mehreren Fahrzeugen um das Feld rum, zudem werden Personen schon in den nahegelegenen Wohngebieten gestoppt und kontrolliert", beschwerte sich eine Besucherin.
Aktionen in den kommenden Tagen
FeldbesetzerInnen und zunehmend mehr BürgerInnen und Gruppen aus Groß Gerau und Umgebung wollen in den kommenden Tagen auf dem Feld und in der Stadt aktiv sein. Dazu sollen auch die laufenden Veranstaltungen unter anderem am 1. Mai genutzt werden. Thematische Nähe sei ohnehin gegeben, denn: "Die Agro-Gentechnik soll ärmere Bauern verdrängen und den Profitinteressen weniger Konzerne dienen. Das sind die gleichen Mechanismen und politischen Ziele wie in der neoliberalen Sozial- und Wirtschaftspolitik überhaupt", kündigte ein Feldbesetzer seine Solidarität mit den Demonstrationen zum 1. Mai an.<br/>
Mehr Informationen am Feld, über das dortige Aktionshandy (01522-9990199) und auf der Internetseite www.gentech-weg.de.vu.